Thomas Mann – Mario und der Zauberer

Kategorie: Deutschsprachige Klassiker

Sommerferien – die schönste Zeit des Jahres. Die junge Familie aus Deutschland fährt nach Italien, genauer nach Torre di Venere. Das Wetter ist wie erwartet drückend heiß und bei den Menschen ist eine gewisse Anspannung zu spüren. Die kleinen Kinder der Familie tollen unbeschwert am Strand herum, doch schon bald droht Ungemach. Die Familie wird wegen angeblicher Ansteckungsgefahr des Hotels verwiesen und gerät wegen einer Lappalie am Strand bei den Einheimischen in Ungnade. Doch die Rettung aus der Tristesse scheint nah. Ein Zauberer hat sich angekündigt und möchte am Abend sein Publikum unterhalten. Die Kinder glühen vor Begeisterung und können ihre Eltern überreden, trotz der später Stunde, mit zum Zauberer kommen zu dürfen. So sitzt die Familie dann abends in der Vorstellung und wartet auf den Auftritt des Magiers. Dieser Zauberer Cipolla ist ein älterer, leicht unsympathischer Mann, der aufgrund seiner Kleidung aber eine „bella figura“ macht. Schon bald hat Cipolla sein Publikum genauso fest in der Hand, wie die Reitpeitsche, die er ständig mit sich führt. Er redet, provoziert und manipuliert und kann durch seine Rhetorik jede Situation zu seinem Gunsten drehen. Einzelne Zuschauer werden hypnotisiert und gegen ihren Willen dazu gebracht, zu tanzen oder anderen Schabernack zu treiben. Einige besonders mutige Exemplare melden sich freiwillig und wollen dem Zauber Cipollas widerstehen, doch sie scheitern kläglich und führen letztendlich doch nur die Befehle des Maestros aus. Obwohl einzelne Zuschauer gedemütigt werden, gelingt es ihm das Publikum für sich zu begeistern. Er appelliert an den Nationalstolz, weckt den Lokalpatriotismus und kann dadurch die Masse nahezu gefügig machen. Die deutsche Familie ist von diesem bizarren Schauspiel gleichzeitig fasziniert und abgestoßen. Doch dann ruft Cipolla Mario auf die Bühne, einen einfach gestrickten, aber sehr stolzen Kellner. Er fragt ihn geschickt aus und Mario gesteht schließlich seinen Liebeskummer, was er aber sogleich bereut. Er verlässt gekränkt die Bühne, zeigt aber dann eine für alle vollkommen unerwartete Reaktion.

Eine wunderbar geschriebene Meistererzählung von Thomas Mann. Die Emotionen und das Fieber, was das Publikum erfasst, werden sprachlich auf grandiose Weise verdeutlicht. Die vormals aus Individuen bestehende Masse wird geschickt manipuliert und auf gefährliche Weise gesteuert. Der Willen der Zuschauer wird durch rhetorische Tricks und einfache Parolen gebrochen. Das einzelne Individuum sollte seine Persönlichkeit bewahren und der Verführung der Masse widerstehen.

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